Psychotherapie auf Zeit: Chancen und Grenzen im Reha-Alltag

Marlene Nadlinger ist Integrative Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision. In diesem Gastbeitrag beschreibt sie die Chancen und Grenzen von Psychotherapie während einer stationären Rehabilitation. Reha ist ein wichtiger Startpunkt für diese begleitende Maßnahme.

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Psychotherapie gilt als bewährtes Verfahren zur Behandlung seelischer Belastungen und auch zur Unterstützung bei körperlichen Beschwerden, wenn sich diese medizinisch nicht eindeutig erklären lassen. Im Unterschied zu vielen anderen Therapie­formen, ist Psycho­therapie jedoch in der Regel auf einen längeren Zeitraum angelegt. Psycho­therapie erfordert Zeit, Geduld und Ausdauer, um wirksam zu sein. 

„Forschungsergebnisse aus der Psychotherapie belegen, dass selbst kurze Interventionen messbare Verbesserungen im Wohlbefinden und im Umgang mit der Erkrankung oder den Folgen von Unfällen bewirken können.“
— Marlene Nadlinger

Psychotherapie als Teil der Reha

In Österreich ist Psychotherapie ein fester Bestandteil zahlreicher Rehabilitations­programme. Ein stationärer Reha-Aufenthalt dauert meist 3 bis 6 Wochen. In Ausnahme­fällen kann dieser, nach entsprechender Anfrage, auf bis zu 8, maximal 10 Wochen verlängert werden. Je nach Krankheits­bild erhalten Patient:innen verschiedene Behandlungen, die auf sie abgestimmt sind. Darunter Physiotherapie, Ergotherapie, Massagen und eben auch psychotherapeutische Gespräche. 

Forschungsergebnisse aus der Psychotherapie belegen, dass selbst kurze Interventionen messbare Verbesserungen im Wohlbefinden und im Umgang mit der Erkrankung oder den Folgen von Unfällen bewirken können. Insbesondere dann, wenn Psychotherapie als begleitende Maßnahme ganzheitlich in den Behandlungsplan integriert ist. 

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Grenzen, Herausforderungen und Chancen

Die zeitliche Begrenzung von Psychotherapie während einer Reha wirft berechtigte Fragen auf. Lässt sich während einer stationären Rehabilitation mit oftmals höchstens 10 psycho­therapeutischen Sitzungen überhaupt eine tragfähige therapeutische Beziehung aufbauen? Denn gerade diese Beziehung gilt als der wirksamste Faktor in der Psychotherapie. Kann in so kurzer Zeit mehr erreicht werden als eine erste Orientierung oder Entlastung? Fachleute betonen, dass Psychotherapie im Reha-Setting ihre Grenzen hat. Sie kann einen längerfristigen therapeutischen Prozess, wie er in einer ambulanten Therapie möglich wäre, nicht ersetzen. Dennoch lässt sich auch in kurzer Zeit viel bewirken.

  • Ressourcen können aktiviert,
  • realistische Erwartungen vermittelt,
  • Impulse gesetzt und
  • das Gefühl der Selbstwirksamkeit gestärkt werden.

Für viele Patient:innen ist die stationäre Rehabilitation der erste Kontakt mit Psychotherapie. Ein vorsichtiges Herantasten an etwas Neues. Für Patient:innen, die bereits darüber nachgedacht haben, eine Psychotherapie auszuprobieren, kann Reha daher eine barrierearmer Einstieg in langfristige psychische Gesundheit sein. Eine Psychotherapie im Rahmen der Reha kann somit wichtige Anstöße geben und Türen für eine weiterführende Behandlung nach der Reha, in der Nähe des Wohnortes, öffnen. 

Eine Patientin mit chronischen Schmerzen berichtete, dass sie durch die psychotherapeutischen Gespräche während ihrer Reha erstmals erkannte, wie stark Stress und ungelöste Konflikte ihre körperlichen Beschwerden beeinflussen. Die in der Reha gewonnene Erkenntnis leitete ihren Heilungsprozess ein, den sie anschließend in einer ambulanten Psychotherapie weiterführte.

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Reha als Startpunkt, Gemeinschaft als Ressource

Psychotherapie in der Reha ist daher weniger als abgeschlossener Prozess zu verstehen, sondern vielmehr als „Startpunkt“, ein Angebot, das nicht die gesamte Heilung erbringen kann, aber den Weg dorthin erleichtern soll. Damit die Psychotherapie in der Reha ihr volles Potenzial entfalten kann, braucht es gute Nachbetreuung und niederschwellige Übergänge in ambulante Angebote. Psychische Gesundheit endet nicht mit dem Entlassungsbericht, sie beginnt oft erst dort. 

Eine Reha ist auch ein besonderer Ort der Begegnung. Menschen, die sich zuvor nie begegnet sind, finden dort zusammen und erleben, dass sie mit ihren Schwierigkeiten nicht allein sind. Dieser soziale Austausch, insbesondere in Gruppen, kann eine wertvolle Ressource sein und trägt wesentlich zur Stabilisierung im Reha-Alltag bei. 

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Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Besonders wirksam wird die psychotherapeutische Arbeit dann, wenn sie eng mit medizinischen, physiotherapeutischen und Maßnahmen der sozialen Arbeit abgestimmt ist. Denn Körper und Psyche hängen zusammen und beeinflussen einander wechselseitig. Genau hier liegt die Stärke des interdisziplinären Reha-Konzepts. 

Wenn Ärzt:innen, Therapeut:innen und klinische Psycholog:innen gemeinsam auf das Ziel der ganzheitlichen Gesundung hinarbeiten, kann Heilung auf mehreren Ebenen stattfinden. Ohne Druck, aber mit offener Hand. Entscheidend ist, dass Patient:innen nicht unter Druck gesetzt werden. Sie sollen sich frei, aber dennoch getragen fühlen. Es sollte stets ihre Entscheidung bleiben, ob und in welchem Umfang sie psychotherapeutische Unterstützung in Anspruch nehmen möchten. Transparenz, Aufklärung und das Vertrauen in die Schweigepflicht bilden die Grundlage dafür. Gemeinsam mit Therapeut:innen kann erarbeitet werden, welche Themen aktuell im Vordergrund stehen und welche Unterstützung in der begrenzten Zeit möglich ist. Prozess-orientiertes Arbeiten spielt dabei eine zentrale Rolle. Psychotherapie in der Reha bedeutet daher vor allem eines: ein Angebot, das Orientierung geben, in Krisen stützen und den Weg zu weiterer Hilfe ebnen kann, ohne Zwang, aber mit offener Hand. 

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Ihr Weg zu einer Reha

Eine stationäre Reha klingt nach dem richtigen Setting für Sie, um nach einer OP, Erkrankung oder den Folgen eines Unfalls wieder zurück in ein selbständigeres und gesünderes Leben zu finden? Dann kann Ihnen ein Hausärzt:innen-Gespräch dabei helfen, Ihren Reha-Bedarf zu klären und den Reha-Antrag richtig auszufüllen.

Über die Autorin

Marlene Nadlinger ist Integrative Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision. Sie arbeitet mit Patient:innen in freier Praxis in Guntramsdorf, sowie mit Kindern und Jugendlichen im kokon – Reha für junge Menschen. Sie beschäftigt sich mit den Chancen und Grenzen von Psychotherapie im medizinischen Kontext. Ihr besonderes Interesse gilt der Verbindung von körperlicher und seelischer Heilung im Rehabilitationsprozess. 

Marlene Nadlinger, Integrative Psychotherapeutin i.A.u.S.
Marlene Nadlinger, Integrative Psychotherapeutin i.A.u.S.

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